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Die Stunde-Null-Erfahrung

Markus 13

1 Und als er aus dem Tempel ging, sprach zu ihm einer der Jünger: Meister, siehe, was für Steine, was für Bauten! 2 Und Jesus sprach zu ihm: Siehst du diese großen Bauten? Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde.

 

In diesem Text kündigt Jesus das baldige oder schon geschehene Ende des Jerusalemer Tempels im Jahre 70 an. Um diese Zeit schreibt auch Markus sein Evangelium. Doch geht es nicht darum, eine Wahrscheinlichkeitsrechnung darüber aufzustellen. Es gibt zu viele Argumente für die Pro-und Contra-Seite, ob Markus schon den Untergang erlebte oder ihn visionierte.

Vielmehr interessiert mich dieses Bild. Die Soldaten unter Kaiser Vespasian beziehungsweise seinem Sohn Titus, der später sein Nachfolger wird, stürmen die Stadt, sind wütend, dass so viel Widerstand geleistet wurde, und können von den Kommandanten in ihrer Wut nicht mehr gehalten werden.

Der Tempel wird geplündet, überall Fackeln, die die Gardinen und Stoffe in Brand setzen. Es dauert nicht lange, und der gesamte Tempel, inklusive des Allerheiligsten, brennt lichterloh. Jegliche Löschversuche scheitern. Der Tempel brennt bis auf die Grundmauern und die heute noch stehende Klagemauer nieder. ZeitenWende. StundeNull. Es ist aus. Das, was unsere religiöse Identität als Ganzes ausmacht, ist unwiederbringlich zerstört. Die Zerstreuung der Juden beginnt. Wir können nicht mehr bleiben. 587 v. Chr. brannte der Tempel im Zuge der Eroberung durch Nebudkadnezzar II. und der Neubabylonier schon einmal nieder und wurde nach dem Kyrus-Edikt etwa 50 Jahre später wieder aufgebaut. Das Exil der Oberschicht war vorbei. Und jedes Mal, wenn er zerstört und wiedererbaut wurde, erstrahlte er in einem noch größeren Glanz als vorher, im Sinne einer realisierten Chance zum Neudenken und -anfangen. Die Sonne geht nach einer dunklen Nacht am Himmel wieder auf.

Diese Erfahrung haben die Menschen auch fast 3000-2000 Jahre später gemacht und jeder für sich selbst auch. Ende des Zweiten Weltkrieges 1945. Berlin am Ende der Schlacht. Japan nach der Atombombe. Die Waffen schweigen. Verzweiflung, Erbitterung, aber auch Hoffnung am wirklichen und gefühlten Ende der Welt. Es gibt eine Möglichkeit dazu, einen Weg zum Nachdenken, eine Befreiung von alten Lasten, Überheblichkeit.

Ich hatte im Studium diese Erfahrung, wenn z.B. eine Prüfung nicht gut lief, aber ich dachte nicht an das Aufgeben. Eher versuchte ich die Gutachten zu prüfen, die Fehleranmerkungen, um mich zu verbessern.

Im Laufsport sind es wahrscheinlich die Verletzungen, die Erfahrungen, etwas nicht erreicht zu haben, sich nicht für etwas qualifiziert zu haben und so weiter. Mir liegt das Laufen im Blut, es ist ein Teil meiner Identität, ich habe schon so viel erreicht, und jetzt macht mir eine Verletzung einen Strich durch den Rechnung. Was nun? Zeit zum Nachdenken ist gewonnen. Eine Niederlage kann zu einem zukünftigen Sieg werden. Was haben wir falsch gemacht? Was kann ich besser machen? Denke daran, dass ein ZeitenWendeSchnitt zu einem neuen Bestzeitenschnitt führen kann. Der eigene Tempel kann in einem neuen Licht erstrahlen und glänzen. Das Leben bleibt dynamisch, ist nicht starr. Das Exil auf dem Sofa ist vorbei. Ich kann wieder laufen und leben. Meine eigene Identität, mein eigener Tempel, ist wiederhergestellt.

 

Habt ihr auch solche Lauf(lebens)erfahrungen gemacht?

 

 

 

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