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Das Prinzip der didaktischen Gleichheit

"Wenn du ein Lehrer werden willst, musst du dir gegenüber auch ein Schüler sein. Wenn du ein Schüler bist, versuche dir gegenüber ein Lehrer zu sein. Aber nicht nur von dir aus gesehen, sondern auch von der realen Person und deinem Gegenüber." ist ein Prinzip in meinem pädagogischen Denken.

 

Es gibt in der religionspädagogischen beziehungsweise katechetischen (Konfirmandenunterricht) Diskussion den kritischen Begriff des "pastoralen Klerikalismus". Das bedeutet, dass z.B. der Pfarrer oder eine andere theologische Fachkraft "vermeintlich" immer alles besser weiß, als ein Konfirmand oder ein Religionsschüler.

Aber: Der Priester ist immer auch Laie, der Laie immer auch Priester. So würde es Martin Luther aus der Sichtweise des "Christentums aller Getauften" nennen. Es gibt keinen höheren Weihestand (Klerus), der über den Ungeweihten steht. Hier ist es im bildhaften Sinn, das Mehr-Wissen als der Andere, was sich selbst durch das Wissen des Anderen möglicherweise wieder aufhebt. Der Konfirmand kann, wie Jesus im Tempel (Lk 2, 41ff.), auch die "Pastoren" beziehungsweise die Pharisäer und Sadduzäer prüfen, ob das, was sie sagen richtig ist, und dass für das eigene Leben Weitergebende auch wirklich plausibel und anschaulich für einen selbst ist.

 

Das bedeutet nicht, dass der Pfarrer immer "dumm" und der Schüler immer "schlau" ist. Im Gegenteil. Die theologische Fachkraft ist dann wieder wichtig, wenn Gedanken auf die schiefe Bahn geraten und etwas richtig gestellt werden muss. Es ist ein Wechselspiel von Wissen, Gegen-Wissen und Mehr-Wissen und ich kann als Lehrer an der Lebenswelt der Schüler teilhaben, um Anknüpfüngspunkte für meinen eigenen Unterricht zu haben.

 

Ich habe dieses Gesetz, der Lehrer hat immer Recht, im Studium immer kritischer gesehen. Viel wichtiger scheint mir zu sein, die Hilfestellungen eines Lehrers wie ein Lehrer mir selbst gegenüber kritisch zu sehen und nicht immer ohne eigene Kritik das zu lernen, was eine Respektperson von mir erwartet, mit dem Ziel der eigenen Selbstmündigkeit. Einen Mund haben - etwas mit eigenen Worten sagen können. Wobei eigene Worte wieder von den Gedanken des Lehrers stammen können. Aber in einem zweiten eigenen Schritt "berichtigt" werden sollen. Wie habe ich das verstanden? Passt das zu meiner Lebensauffassung?

 

Der Erziehungswissenschaftler Wolfgang Klafki hat in den 1970er Jahren einen Aufsatz zum Thema der pädagogischen Gleichheit geschrieben. Sie geht davon aus, dass jeder Schüler zugleich ein Lehrer ist und jeder Lehrer zugleich ein Schüler für den jeweils anderen ist. Das hat mich beeindruckt und mich fast schon ermündigt, auch andere dafür zu begeistern.

Er hat den Unterricht demokratisch und am Schüler orientiert gehalten. Dabei war das Ziel, dass jeder Schüler selbstmündig wird und den Unterricht mitgestalten kann. Didaktische Gleichheit meint daher auch, Vielredner und Ehrgeizige zu bremsen und ruhige Schüler aus ihrer Introvertiertheit zu locken. Jeder hat das Recht auf eine Wortmeldung im Unterricht, kann sich äußern oder anders: "Was du weißt, das kann auch der Andere wissen."

 

Zusammenfassend:

 

Didaktische Gleichheit (die Lehre von der Unterweisung) meint eine unterrichtsgestaltende Gleichheit zwischen Lehrer und Schüler. Jeder Schüler ist zugleich Lehrer und jeder Lehrer ist zugleich Schüler. Aus diesem Wechselspiel entstehen Möglichkeiten zur Unterrichtsgestaltung, der Selbstbildung und zur Mündigkeit beider Seiten.

 

 

Macht es Sinn, einen Schüler wie einen Lehrer zu behandeln? Wo sind die Grenzen? Was können Chancen und Risiken dieser Lesart sein?

 

 

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