· 

Den Stier bei den Hörnern packen - Verlegenheit des Gegenübers als Sieg und Persönlichkeitsgewinn

Verlegenheit ist Ausdruck des Charakters, dass dieser nicht weiß, wie er (zunächst) auf die Situation reagieren soll und ihm das "peinlich" ist oder dass seine "Attacke", mich aus der Reserve zu locken, in das Leere gegangen ist. Ich bin auch kein Freund von Belehrungen, weil sie von "oben herab" geschehen. Das Gegenüber ist sich dessen nicht immer bewusst. Ich versuche dann das Gegenüber daran zu erinnern, mehr kritisch und konstruktiv zu "belehren", wobei ich das eher als einen "Ratschlag" auffasse. Aber auch der Begriff des "Ratschlages" ist in der Seelsorgelehre ein sehr kritischer Begriff. Ich spreche lieber von einem Angebot, das man annehmen oder ablehnen kann (bzw. dem Gegenüber eine Wahl zu lassen).

 

Wir hatten das Thema in dem Eintrag über die pädagogische Grundformel ("Nur durch (heraus-) fordern auch fördern?"). In diesem Sinne kann die pädagogische Grundformel funktionieren. Du kannst natürlich auf den Angriff eingehen und dich bespaßen lassen, aber das führt dann zwar zum Fördern des Egos des Anderen (du wirst Futter fürs Ego des Anderen), aber gleichzeitig in die Abhängigkeit. Er wird dich möglichweise immer weiter bespaßen, um den Egohunger zu stillen. Wenn du dich z.B. von jemanden vermitteln lässt (Job-Suche), der eigentlich keine Autorität dazu hat, dann fütterst du damit sein Ego. "Oh, ich habe wieder jemanden vermitteln können. Das ist so cool." Versuche mal folgendes, kerniges, wenn das passiert und jemand dich vermitteln möchte: "Darf ich sie dann auch mal vermitteln, um Vermittlungsgerechtigkeit herzustellen?" Wahrscheinlich wird die gegenüberliegende Person dann verlegen. Und du hast den Stier bei den Hörner gepackt und das macht dich selbst stark durch dich selbst und nicht durch einen anderen! Ist das nicht viel cooler? Du kannst es natürlich auch so versuchen, dass du selbst auf Jobsuche gehst.

 

Ein weiteres Beispiel ist, wenn dich jemand reflektieren will. "Oh, die leistet aber wirklich gute Arbeit." Die Person sagt das auch, wenn das Gegenüber des Lobes gar nicht anwesend ist. Wenn du doch anwesend bist und das Lob empfängst, versuche es mal damit: "Vielen Dank für das Kompliment. Ich weiß, dass ich gut bin. Aber ich kann/muss mich noch weiterentwickeln." Wieder lenkst du das Lob auf dich, um dich selbst stark zu machen. Die Reflexion des Gegenübers sein "Feedback von oben" bleibt dabei ein Angebot, das keine unbedingte Gültigkeit hat, aber dich trotzdem aufbaut und du hast wieder einen Stier bei den Hörnern gepackt, um selbst daran zu wachsen. Und du hast den Spieß der Hörner umgedreht, ohne den anderen zu verletzen (natürlich), sondern vielleicht sogar zum Erstaunen bringst, wie stark du bist (als Persönlichkeit).

 

Ein weiteres Beispiel erlebe ich manchmal bei Kindern (besonders Mädchen), die einen herum "kommandieren" wollen (ob das nun spaßig gemeint ist oder nicht, das sei mal dahingestellt) oder meinen sie hätten einen Anspruch auf Einfluss. Da kannst du auch den Stier bei den Hörnern packen, indem du ihren Anspruch auf Einfluss "liebevoll" verneinst. Kinder lächeln meist verlegen zurück, wenn sie merken, da ist jemand der stark ist. Sie orientieren sich dann gerne an der Person, der den Stier bei den Hörnern packt, die zu einem Vorbild wird. Und das macht sowohl dich als auch das Kind stark. Du solltest es aber nicht zu weit treiben, dass allein dein Ego gefüttert wird. Im Mittelpunkt steht immer das Subjekt des Kindes (Wolfgang Klafki).

 

Ich hörte mal von einem Förster, der ein Forstamt mit einem Forstbereich mit Mitarbeitern leitete und zu einem Praktikanten sagte: "Das können Sie sich gleich merken: Man muss sich immer durchsetzen können." (in Leitungsberufen).

 

Fallen dir noch mehr Methoden ein, um einen "Stier" bei den Hörnern zu packen, um selbst daran zu wachsen oder jemand anderes daran wachsen zu lassen?

Kommentare: 0