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Krise Selbstmord - Denk nochmal drüber nach!

Der Umgang mit Suizidgedanken ist ein Thema in der (von Spontanität der Krise geprägten) Telefonseelsorge. Ich bin kein Telefonseelsorger, höchstens ein Blogseelsorger, wenn jemand das hier in einer Selbstkrise liest. Aber die Ausbildung in Seelsorge im Studium ist zunächst eine vornehmlich theoretische (Seelsorge und Psychotherapie, Systemische Seelsorge). Doch habe ich selbst schon mit Selbstmordgedanken zu kämpfen gehabt und habe daraus wichtige Dinge für mich und auch (wahrscheinlich) andere gelernt, als eigensinniges Verhältnis von Theorie und (Selbst-)-Praxis.

 

Es gab Zeiten, in denen ich mich geritzt habe und die Narben für immer an meinem Körper tragen werde. Es ist kein Geheimnis und kann so auch nicht bleiben, weil es sichtbar ist und mich Leute manchmal fragen, was das für Ritze und herausstehende Punkte auf meinem Oberarm sind, der zum Glück meistens bedeckt ist. Tja, dann sage ich: "Ich habe mich geritzt, in Zeiten, wo es mir sehr schlecht ging. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich so tief sinken würde. Aber ich habe daraus gelernt."

 

Im Laufe des Lebens wird unsere Seele (durch Beleidigungen, Rückschläge, Verluste von Freunden und Familie) immer vernarbter und trotzdem heilen die Wunden meist wieder aus, aber Narben der Erinnerung bleiben. Sobald wieder ein Gedanke darüber geht, kommen die Emotionen wieder hoch. Aber Narben sind auch im positiven Sinn zu verstehen. In der Antike galt ein General mit vielen Narben am Körper als tapfer, stark und mutig, als Inspirationsfigur und jemanden, den man nicht so schnell klein kriegt und der vom Kampf (und im übertragenen Sinn vom Leben) abgehärtet ist. Sie sind Erfahrungszeichen. "Erfahrung ist die Summe von Fehlern, die man macht." sagte Arthur Wellesley, der Napoleon bei Waterloo auf Seiten der Engländer 1815 schlug.

 

Der wichtigste Satz überhaupt in einer solchen Krise: Denk nochmal nach! Wirf dein wunderschönes, einziges Leben und seine Möglichkeiten nicht weg. Obwohl es so scheint, das alles im Moment verloren sei. Es ist nur Schein im Moment, der nichts über die Zukunft aussagt. Das Leben ist durch seine Einmaligkeit bestimmt. Es ist unersetzlich. Es gibt kein Zurück, wenn "es" passiert. Dann ist es wichtig, sich an seine Leidenschaften (z.B. Hobbys) zu erinnern, die die persönlichen Glücksgefühle brachten. Auch im Laufsport gibt es die Theorie des Seelsorgelaufes, der die Depressionen und Suizidgedanken löst.

 

Diese Wege verdrängen die Suizidgedanken meist. Hilft das nicht oder kannst du die innere Barriere nicht selbst niederreißen, dann versuche mit einem anderen Freund, einem Spezialistien, einem Familienmitglied (dem du vertraust und den du als empathievoll einschätzt) mündlich darüber zu sprechen (vielleicht am Telefon). Lob, Anerkennung, eine Umarmung, vielleicht sogar Streicheln, können die heilsamen Glücksschauer auch auslösen, sofern du das zulässt. Ein Gespräch kann aber nicht die Hilfe zur Selbsthilfe vollständig ersetzen. Ein Gespräch ist immer ein punktueller Anstoß, an dem du selbst weiterarbeiten (musst), sofern das schon möglich ist.

Weiterhin ist eine Konzentration sowohl auf sich selbst als auch auf den Anderen wichtig, dein Gegenüber. Versuche auch deine heilsamen Leidenschaften loszulassen, ohne darauf zu achten, dass der andere sie als nicht geeignet (oder vielleicht kindisch) bezeichnet, zu rational, aus seiner nicht-gefährdeten Perspektive. Denn du weißt aus der Erinnerung heraus, was dir gut tat und gut tut. Das kann dein Gesprächspartner nicht ersetzen, weil er nicht dieselben Nerven, Gedanken, Erinnerungen und Hormonverbindungen hat. Erinnere dich an eigene Erfolge und die Glücksmomente, die du hattest. Versuche alles, um Glück in dir selbst zu produzieren. Manchmal hilft es sogar, eine Schokolade oder ein Eis zu essen, aber in Maßen. Denn das kann nicht die einzigste Lösung sein.

Gut ist auch die Methode des Last-Niederschreibens in einem Tagebuch in Auseinandersetzung mit dem, was das Gegenüber dir gesagt hat.

 

Denn es ist dein Glück, dein wunderschönes Leben, das auf dem Spiel steht, nicht das des Anderen. Und die Glücksgefühle in diesem Leben kommen im Tod nicht wieder. Denke daran, dass niewieder ein Glücksschauer über deinen Rücken fließen wird durch einen Erfolg oder Liebe von jemanden oder zu etwas.

 

Zusammenfassend: Denke vor einem Selbstmordgedanken einen anderen Glücksgedanken, der die anderen Gedanken verdrängt. Wecke die Leidenschaft in dir, tue dir selbst etwas Gutes und nicht unbedingt etwas, was den Anderen gut tut, denn ihr Leben ist nicht gefährdet. Aber am wichtigsten ist: Spreche diesen Satz zu dir selbst: Wirf dein wunderschönes und einziges Leben nicht weg.

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