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Krisenjahre 2015 - 2018 - Mein (Lauf-) Weg daraus zu neuem Lebensmut

Lebenskrisen hat jeder Mensch einmal. Doch bei mir kam vieles auf einmal zusammen. 2011 war die Schulzeit in Bergen auf Rügen vorbei, fühlte mich sehr allein und auf mich selbst gestellt, als ich nach Rostock kam und verkroch mich häufig in meiner Wohnung. Die Zeit des Geborgen-Seins Zuhause in Sassnitz war vorbei, ganz gleich ob ich häufig zu Besuch (und immer noch bin) war oder nicht.

 

Von 2013 - Anfang 2015 boomten die Studienleistungen und ich bekam nach der Zwischenprüfung ein Angebot, um als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einer Bibliothek zu arbeiten. Da ich aber noch keinen akademischen Grad hatte, ging das nicht.

2015 nahm ich eine Verhaltenstherapie gegen depressive Verstimmungen auf, da bei mir nach dem ersten Gemeindepraktikum von meinem Hausarzt der Verdacht der Depression geäußert wurde. Die Gespräche mit dem Arzt dauerten über ein Jahr in regelmäßigen Abständen und er half mir, meine Leidenschaften und mein Glück zu wecken und zu akzeptieren, dass ich anders und ein "Chinese unter Europäern" bin, bevor meine Talente "sterben".

Eine zusätzliche Diagnose-Untersuchung bei einer Autismus-Ambulanz ergab, dass ich überbegabt bin und meinen Kopf und meinen Körper nicht bremsen darf, weil ich sonst depressiv werde und meine Talente untergehen, was im schlimmsten Fall in einen Suizid enden könnte. Ich lehnte es aber ab, deswegen in eine Tagesklinik, Behindertenwerkstatt abgeschoben zu werden oder mir Medikamente einflößen zu lassen, um mich ruhig zu stellen und ich entschied mich für das Hilfe zur Selbsthilfe-Konzept (die Gespräche waren immer nur Anstöße, selbst an mir zu arbeiten), wie es auch in der Seelsorge verwendet wird.

 

Der Körper wehrte sich gegen die inneren Verspannungen immer mehr. Im November 2015 bekam ich an einem Abend furchtbare Panikattacken, die ich vorher nie hatte. Nach einem Vierteljahr etwa kehrte nach täglich mehreren Attacken Ruhe ein, aber ich war total geschwächt und wollte alles aufgeben. Ich glaube, ich habe ein Dutzend Mal an Studienabbruch gedacht, aber ich war schon zu weit vorangeschritten.

Die Studienleistungen stagnierten daraufhin, weil ich meine Leidenschaften und die Liebe zum Streben nach Wissen vergaß. Ich dachte immer, ich müsste mich anpassen (damit andere nicht neidisch werden), um es anderen Recht zu machen und der Arzt in Rostock drückte mir das so lange mit einer lauten und stillen Stimme (positiv manipulierend) in den Schädel, bis ich das verstanden hatte: "HÖREN SIE AUF, es ständig allen Recht zu machen! Das macht Sie nur unglücklich." Er zwang gleichzeitig wieder dazu den Sport aufzunehmen und den Laufsport.

Ich verstand dann so langsam, dass ich mein wunderschönes Leben und seine wunderschönen (interlektuellen) Möglichkeiten nutzen und lieben solle. Auch der Laufsport, den ich 2012 zusammen mit dem Karateunterricht begann, stagnierte lange Zeit und ich vergaß, was mir super gut tat und die Wiederentdeckung des Laufens war auch so ein bisschen wie eine Wiedergeburt. Ich wusste auch, dass ich als "Frühchen" bis zu meinem 27. Lebensjahr immer irgendwie hinterhängen werde. Aber irgendwann würde der Moment kommen (das wurde 1992 so gesagt), dass ich fertig bin, wo andere schon längst "fertig" sind, aber niemand wusste und kann das wissen, wie sich das auswirken würde. Tja, ich werde dieses Jahr 27 und kann mich oft kaum bremsen, sonst kommen wieder die Depri-Phasen und ich will einfach nur noch mein einziges und wunderschönes Leben lieben und leben. Die Panikattacken waren auch "Sterbeerfahrungen", weil besonders Verspannungsschmerzen im Brustbereich vom Kopf als lebensbedrohend gedeutet werden (vermeintlicher "Herzinfarkt").

 

Von 2016 - 2017 starben in meiner Familie und meinem Freundeskreis vier Menschen in relativ kurzer Zeit (und ein Nymphensittich :) ), was es so in dieser Form als Sterberfahrungen noch nicht gab und plötzlich war ich als Theologe "gefragt", die Feuerprobe schlechthin. Ich wollte mich nicht als "theologischen Feigling" abstempeln lassen und ich habe mich partiell bei den Beerdigungen eingebracht. Mir war schon bewusst, dass ein Abstandgewinnen wichtig gegen die Burnout-Gefahr ist, um mich nicht zusätzlich zu belasten und "Filter" zu entwickeln. Es ist aus Sicht der Praktischen Theologie völlig legitim, darüber habe ich einen Professor konsultiert, bei persönlichen Fällen als Theologe Abstand zu nehmen.

 

Ich musste auch erst akzeptieren, dass es im Studium um die theoretische Ausbildung geht, weniger um eine praktische. Der Rückzug in die Bibliothek ist daher völlig legitim, aber der innere Druck, sich immer praktisch einbringen zu müssen, haben die Talente auch unterdrückt und meine Angst gesteigert. Auch das theoretische Studium kann eine Vorbereitung auf die Praxis zu sein. Ich erkannte auch, zwischen dem Reflektieren und Genießen von Religion zu unterscheiden. Ich kann in einen Gottesdienst gehen und Religion spüren, mich von ihr durchfließen zu lassen, das Glück zu wecken, was genug Kraft für das Lernen bringt. Aber ohne Reflexionsbarrieren im wahrsten Sinne des Wortes und im anderen Sinn. Meine Verhältnis zu Gott ging fast in Selbstzweifeln unter und ich verlernte das Beten und das naive Gläubig-Sein durch das ständige kritische Reflektieren im Studium.

Jetzt in Kiel dreht sich alles etwas um. Ich beschäftige mich mit etwas Konfessionslosen (Ethik) und spüre die Freiheit in den Werken von Jean-Paul Sartre, frei zu sein und so zu leben und mein Leben zu gestalten, wie ich mag, aber trotzdem Platz für die Liebe Gottes durch meine Leidenschaften zu lassen und ihm jeden Tag für mein wunderschönes Leben zu danken. Trotzdem bleibe ich immer noch ein Skeptiker, vielleicht ein skeptischer Genießer, der zwischen beiden Ebenen (Wissenschaft und Glauben und Genuss) besser unterscheiden kann, was vielleicht auch eine wichtige theologische Kompetenz ist.

 

Ich liebe es, mich wieder einzubringen, plane ein Auslandssemester, meine Noten haben sich deutlich verbessert (das Examen verlief auch nicht so super und es ging mir Anfang 2018 deswegen überhaupt nicht gut und habe mich geritzt, war um fast 2 Noten abgestürzt ("Schwarzer Mittwoch"), woran ich nichts mehr ändern kann und ich in den ersten Stunden daran dachte, mich vor die Rostocker Straßenbahn zu werfen und einfach nur noch geweint hatte und mich aus allem zurückziehen wollte (erst auf Rügen, dann nach Wustrow). Ich wollte keine Feier, keine Glückwünsche, nichts, und ließ mir die Zeugnisse nach Hause schicken, weil ich mich in Grund und Boden geschämt habe.) und ich habe eine 1 vor dem Komma, als wäre nichts gewesen und habe neuen Lebensmut gewonnen. Ich wusste, dass ich mit diesen Examensnoten beruflich nicht sehr weit gekommen wäre, was sich ja dann bei der vorübergehenden Nichtzulassung zum Vikariat offenbarte. Der Literathon wurde gegründet und eine Möglichkeit zur beruflichen Selbstständigkeit, habe viele Bücher geschrieben und in Planung. Aus der Stunde-Null-Erfahrung wurde ein Neuanfang.

Der Hochschulwechsel hat mir gut getan, die Erkenntnis, seine Leidenschaften bedingungslos zu leben und zu genießen, meinen Körper und Kopf beim Denken und Laufen freien Lauf zu lassen, z.B. wenn ich beim Laufen oder Arbeiten im Zimmer etwas Neues und Schönes entdecke und plötzlich anfange herum zu springen. Auch die vegetarische Ernährung hat dafür gesorgt, wieder so viel Energie wie ein Kind zu haben.

Aber es hat sehr lange gedauert und ich bin einen langen, vielleicht fast 20 Jahre langen Leidensweg gegangen. Innere Verspannung hatte ich schon immer oder die Angst, es allen nicht Recht machen zu können.

 

Zusammenfassend: Ich habe, weil ich selbst mit Krisen umgehen musste, einen Schwerpunkt auf Krisenmanagement gelegt, um anderen damit vielleicht zu helfen. Lebensunerfahren bin ich nicht, ganzgleich ob ich noch sehr jung bin. Ich denke, ich habe das hier etwas deutlich machen können und sicher versteht dann jemand mehr, warum ich nochmal studiere und (mich) nicht aufgebe, da ich denke: Es ist nie zu spät, mit etwas anzufangen.

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