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Wer schreibt, der bleibt (nicht) - Tipps zum Schreiben von Texten

Im Predigtseminar gab es so genannte "Textwerkstätten". Wir sollten lernen, Texte auf dem Weg zur Predigt als Bausteine selbst zu verfassen. Dabei wurde mir klar, dass es sich beim Schreiben von Texten um einen Lernprozess handelt, der besonders von der Selbstkorrektur von Fehlern, die der Professor anmerkt hat, lebt. Erfahrung hilft dem Unerfahrenen. Im Studium Generale besuchte ich eine Vorlesung über Kommunikations- und Medienwissenschaften, weil diese bei der Predigtlehre mitrezipiert wird, z.B. die Lasswell-Formel, die sich an den W-Fragen der Kommunikation orientiert.

 

Bei Texten kann man einiges falsch machen, wenn sie z.B. nicht kontextualisiert werden beziehungsweise du nicht überlegst, wie dein imaginäres Gegenüber darauf reagieren könnte. Textproduktion ist ein Risikogeschäft. Ganz klar. Und man lernt aus den Rückmeldungen von Anderen, wobei nicht jede Rückmeldung kritisch-konstruktiv sein muss. Überprüfe die Kritik des Anderes, ob sie selbst kontextualisiert ist. Ein Beispiel: Man hat mir vor ein paar Wochen (fälschlicherweise) Respektlosigkeit vorgeworfen, obwohl ich mich für seine Arbeit mir gegenüber bedankt habe. Diese Kritik habe ich nicht akzeptiert beziehungsweise dann ignoriert, weil ich sie nicht nachvollziehbar fand.

 

Die Texte mussten immer an den Dozenten weiter geleitet werden. Erst ganz am Schluss erfuhren wir den Predigttext. Predigten werden mit verschiedenen Methoden geschrieben. Es gibt dramaturgische Predigtlehren, die einen Predigttext und den Ablauf eines Gottesdienstes als eine Art "Theater" mit verschiedenen Szenen und einem Gesamtentwurf, der alle Szenen bindet, versteht. Es gibt die Homilie, das heißt, eine Predigt, die zwischen Text und Lebenswelt hin und her changiert. Es gibt die semiotische Homiletik, eine Predigt, die mithilfe von Zeichen und Auredits (versteckte Aussagen, über die der Hörer im Nachgang nach dem Gottesdienst weiter nachdenken soll beziehungsweise kann), interpretationsoffen gestaltet wird. Das kann auch für die Textproduktion überhaupt sinnvoll genutzt werden.

 

Hier auf dem Literathon habe ich als Teil des "Laufens mit Mehrwert" das Laufschreiben beziehungsweise flanierende Laufen vorgestellt. Schreiben in Bewegung, Eindrücke von der Umgebung festhalten oder dass sich z.B. ein Bibeltext eine Situation sucht oder umgedreht.

 

Predigten sind heute nicht länger als 15 Minuten beziehungsweise (sollten) das nicht sein. Die Aufmerksamkeitsfähigkeit ist durch viele "Ablenkungen" immer geringer geworden. Vor 100 Jahre konnte eine Predigt noch über eine Stunde dauern. Die Predigten, die ich von Dietrich Bonhoeffer gelesen habe, waren vom Umfang her doppelt so lang, wie die Predigten, die ich im Theologiestudium schreiben musste. Die Regel war im Seminar eine Textlänge von 2-3 A4-Seiten, nicht mehr, auch dann beim Predigtentwurf, wo man seine Textproduktion begründen musste.

 

Daraus resultieren ein paar Tipps zum Schreiben:

 

1. Aussagen kontextualisieren. Versuche dich in dein imaginäres Gegenüber beziehungsweise deinen Hörer- und Leserkreis empathisch rein zu finden. Was würden sie empfinden, wenn du das schreibst, was du schreibst? Ist das schlecht oder gut? Denk bevor du schreibst, um es kurz zu sagen.

 

2. In der Kürze liegt die Würze. Die heutige, durchhaltbare, lineare Aufmerksamkeit gegenüber medialen Texten liegt ungefähr bei 10-15 Minuten. Nutze dies aus. Du sparst dir auch Arbeit und bringst Sachen konkret auf den Punkt beziehungsweise wirst dazu "gezwungen" das so zu machen.

 

3. Ermahne und belehre nicht, versuche eher über Nachdenkzeichen jemanden zum Nachdenken anzuregen.

 

4. Schreibe bunt und von vielen Seiten her. Adjektive und Verben bringen einen Text in Bewegung und machen ihn farbenfroher. Substantive, Genitive und Partzipien verwissenschaftlichen einen Text mehr. Achte dabei auf deinen Hörerkreis. In einer Kirchengemeinde hast du es meistens mit Leuten zu tun, die keine wissenschaftliche Ausbildung habe oder diese schon lange Jahre zurückliegt.

 

5. Lerne von Fehlern und Anmerkungen, aber stehe ihnen auch nicht unkritisch gegenüber. Sie müssen genau so kontextualisiert und kritisch-konstruktiv sein, was sie selbst bei dir erreichen "möchten".

 

Fallen dir noch weitere Tipps ein, dann freue ich mich über Kommentare. Ich werde auch selbst weiter überlegen und den Blog-Eintrag dann überarbeiten.

 

 

Literatur

 

Nicol / Deeg, Im Wechselschritt zur Kanzel. Praxisbuch Dramaturgische Homiletik, 2005

 

Engemann, Einführung in die Homiletik, 2011 (besonders über Auredits)

 

Grethlein, Praktische Theologie, 2012 (neue Formen der "Kommunikation des Evangeliums")

 

Koziol, Gott ist bei uns. Ein Bonhoeffer-Lesebuch, 2016

 

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